Trauerprozess – wenn das Leben im Rollstuhl neu beginnt
Ein Trauerprozess beginnt nicht nur nach plötzlichen Unfällen. Auch schleichende Erkrankungen, chronische Krankheiten oder zunehmende Mobilitätseinschränkungen können Trauer auslösen. Wer neu im Rollstuhl ist, erlebt oft eine emotionale Achterbahn zwischen Verleugnung, Wut, Hoffnung und tiefer Traurigkeit. Dabei geht es nicht nur um körperliche Veränderungen – sondern um Abschied von früherer Selbstverständlichkeit, Spontanität und alten Zukunftsbildern. Und genau darüber sollten wir sprechen.
Trauer hat viele Auslöser – nicht nur ein Ereignis
Manche landen von heute auf morgen im Rollstuhl.
Andere rutschen langsam hinein. Schritt für Schritt. Arzttermin für Arzttermin.
Beides kann einen Trauerprozess auslösen.
Denn egal, ob plötzlich oder schleichend:
Es verändert dein Selbstbild. Deinen Alltag. Deine Rolle. Deine Zukunftsvorstellungen.
Und das darf wehtun.
Die klassischen Trauerphasen – und warum sie normal sind
Viele Menschen durchlaufen ähnliche emotionale Phasen. Nicht ordentlich nacheinander. Nicht logisch. Aber spürbar.
Verleugnung
„So schlimm ist es doch gar nicht.“
„Ich brauche den Rollstuhl nur vorübergehend.“
Das ist kein Selbstbetrug – das ist Selbstschutz.
Wut
Wut auf den Körper.
Auf Ärzte.
Auf gesunde Menschen.
Auf Barrieren.
Auf das Leben an sich.
Wut ist Energie. Und sie zeigt, dass dir etwas wichtig ist.
Verhandeln
„Wenn ich nur genug trainiere…“
„Wenn ich mich noch mehr anstrenge…“
Hier steckt Hoffnung drin – aber auch der Wunsch, die alte Realität zurückzubekommen.
Depression
Erschöpfung. Rückzug. Traurigkeit.
Das Gefühl, dass alles schwer ist.
Das ist keine Schwäche. Es ist oft der Punkt, an dem die Realität wirklich ankommt.
Akzeptanz
Nicht: „Ich finde das toll.“
Sondern: „Es ist jetzt Teil meines Lebens.“
Akzeptanz ist kein Ziel, das man abhakt. Sie wächst langsam.
Und wichtig: Man springt zwischen diesen Phasen hin und her. Auch Jahre später noch.
Worum man eigentlich trauert
Es geht selten „nur“ um Mobilität.
Man trauert um:
Früher Selbstverständliches
Nicht planen müssen.
Keine Gedanken an Bordsteine, Aufzüge oder Toiletten verschwenden.
Spontanität
Einfach los.
Ohne Organisation.
Ohne Abhängigkeit.
Das alte Selbstbild
Vielleicht warst du „die Sportliche“.
„Der Macher“.
„Die Unabhängige“.
Wenn sich der Körper verändert, verändert sich oft auch das eigene Bild von sich selbst.
Alte Zukunftsbilder
Berufliche Pläne.
Reisevorstellungen.
Familienideen.
Manchmal müssen diese Bilder angepasst werden. Und auch das ist ein Abschied.
Trauer und Dankbarkeit dürfen nebeneinander existieren
Viele hören Sätze wie:
„Sei doch froh, dass du lebst.“
„Andere haben es schlimmer.“
Ja – Perspektive kann helfen.
Aber verdrängte Trauer verschwindet nicht. Sie staut sich.
Du darfst traurig sein.
Und trotzdem dankbar.
Du darfst wütend sein.
Und trotzdem kämpfen.
Beides schließt sich nicht aus.
Für alle, die neu im Rollstuhl sind
Wenn du gerade erst am Anfang stehst:
- Deine Gefühle sind normal.
- Du musst niemandem beweisen, wie gut du klarkommst.
- Du musst nicht sofort „stark“ sein.
- Und du darfst dir Zeit nehmen.
Der Rollstuhl ist ein Hilfsmittel.
Aber die emotionale Umstellung ist oft die größere Herausforderung.
Und sie braucht Raum.
Kleine FAQ zum Trauerprozess bei neuer Mobilitätseinschränkung
❓Ist es normal, obwohl ich „nur“ zeitweise im Rollstuhl sitze, traurig zu sein?
Ja. Auch temporäre Einschränkungen können einen Trauerprozess auslösen. Es geht nicht um „Schweregrade“, sondern um persönliche Veränderung.
❓Warum trifft mich die Situation manchmal plötzlich wieder stark?
Trauer verläuft in Wellen. Bestimmte Situationen – Vergleiche, Jahrestage, neue Einschränkungen – können Gefühle erneut aktivieren.
❓Bedeutet Akzeptanz, dass ich aufgegeben habe?
Nein. Akzeptanz heißt nicht Resignation. Es bedeutet, die Realität anzunehmen und innerhalb dieser Realität neue Wege zu suchen.
❓Wann sollte ich mir Unterstützung holen?
Wenn du merkst, dass du dauerhaft feststeckst, dich stark zurückziehst oder keine Perspektive mehr siehst, kann psychologische Unterstützung sehr hilfreich sein.