Psychische Belastungen bei Angehörigen
von Rollstuhlfahrern
Eine Behinderung oder das Leben im Rollstuhl betrifft selten nur eine einzelne Person. Auch Angehörige erleben Veränderungen, oft leise und im Hintergrund. Rollen verschieben sich, Sorgen tauchen auf und vieles fühlt sich ungewohnt an – selbst dann, wenn im Alltag scheinbar alles „läuft“.
Viele Angehörige stellen ihre eigenen Gedanken und Gefühle zurück. Sie möchten unterstützen, stark sein oder nichts zusätzlich belasten. Dabei ist es völlig normal, dass auch psychische Belastungen entstehen: Unsicherheit, Erschöpfung, Hilflosigkeit oder das Gefühl, ständig mitdenken zu müssen.
Diese Seite richtet sich an Angehörige von Rollstuhlfahrern. Sie soll dabei helfen, die eigene Co-Betroffenheit einzuordnen und zu verstehen, dass auch die eigene Psyche Raum haben darf. Nicht, um Schuld zu verteilen – sondern um realistisch mit der Situation umzugehen.
Sekundäre Belastung / Sekundäre Traumatisierung
Auch wenn man selbst nicht im Rollstuhl sitzt, kann einen die Situation stark mitnehmen. Bei einer sekundären Belastung geht es darum, dass Angehörige die Veränderungen, Sorgen und schwierigen Momente miterleben – oft über lange Zeit.
Man sieht, wie sich das Leben eines nahestehenden Menschen verändert. Man macht sich Gedanken, sorgt sich, fühlt mit. Das kann emotional anstrengend sein, selbst wenn man versucht, ruhig zu bleiben oder „stark“ zu wirken. Manchmal tauchen Gefühle auf, die man sich selbst kaum erklären kann: innere Unruhe, Erschöpfung oder ein dauerhaftes Mitdenken.
Das ist keine Überempfindlichkeit. Es ist eine normale Reaktion darauf, dauerhaft mit einer belastenden Situation konfrontiert zu sein – auch aus der zweiten Reihe.
Caregiver Stress / Caregiver Burden
Caregiver Stress beschreibt die Belastung von Menschen, die unterstützen, begleiten oder Verantwortung übernehmen. Das betrifft nicht nur Pflege im klassischen Sinn, sondern auch das ständige Mitdenken, Organisieren oder emotionale Dasein.
Viele Angehörige haben das Gefühl, immer verfügbar sein zu müssen. Sie wollen helfen, nichts falsch machen und niemanden zusätzlich belasten. Dabei geraten die eigenen Bedürfnisse schnell in den Hintergrund. Müdigkeit, Gereiztheit oder das Gefühl von Überforderung werden dann oft einfach „weggeschoben“.
Wichtig ist: Caregiver Stress entsteht nicht, weil man etwas falsch macht – sondern weil man viel trägt. Und das darf ernst genommen werden.
Co-Betroffenheit
Co-Betroffenheit ist ein besonders guter Begriff, weil er ruhig und wertfrei beschreibt, was passiert:
Eine Behinderung betrifft nicht nur eine Person, sondern auch das Umfeld.
Angehörige erleben Veränderungen im Alltag, in Gesprächen, in der Planung des Lebens. Sie passen sich an, denken mit, reagieren auf neue Situationen. Auch wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen, sind sie emotional mitbetroffen.
Co-Betroffenheit bedeutet nicht, dass jemand „leidet wie der Betroffene selbst“. Es bedeutet, dass auch Angehörige einen eigenen Anpassungsprozess durchlaufen – mit eigenen Fragen, Unsicherheiten und Gefühlen. Und auch dafür darf es Raum geben.
Wie Angehörige mit Stress besser umgehen können
Stress entsteht bei Angehörigen selten durch einzelne Situationen, sondern durch Daueranspannung. Das Ziel ist deshalb nicht, alles „richtig“ zu machen, sondern die Situation normaler und tragbarer werden zu lassen.
🔹 1. Verstehen, dass der eigene Stress normal ist
Der wichtigste Schritt ist oft die Erkenntnis:
„Mit mir stimmt nichts nicht.“
Angehörige geraten unter Druck, weil sie sich selbst keine Belastung zugestehen. Wer versteht, dass Caregiver Stress oder Co-Betroffenheit normale Reaktionen sind, verliert bereits einen Teil des inneren Drucks.
Normalisierung beginnt im Kopf – nicht im Verhalten.
🔹 2. Nicht alles auffangen wollen
Viele Angehörige versuchen, Situationen zu glätten, zu erklären oder vor Problemen zu schützen. Das kostet Kraft und hält die Anspannung hoch.
Entlastend kann sein:
- nicht jede Schwierigkeit zu übernehmen
- Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört
- Pausen zuzulassen, auch innerlich
Unterstützung heißt nicht, alles abzufedern.
🔹 3. Eigene Gefühle ernst nehmen – ohne Schuldgefühl
Genervt sein, müde sein oder überfordert sein bedeutet keine Ablehnung des betroffenen Menschen. Es bedeutet, dass etwas viel geworden ist.
Gefühle müssen nicht „gelöst“ werden, um berechtigt zu sein.
Oft reicht es, sie wahrzunehmen, statt sie wegzudrücken.
🔹 4. Die Situation als neuen Alltag akzeptieren
Stress bleibt oft bestehen, solange innerlich auf eine Rückkehr zum „früher“ gewartet wird.
Normalisierung beginnt, wenn die Situation nicht mehr als Ausnahmezustand gesehen wird, sondern als veränderter Alltag.
Das heißt nicht aufgeben – sondern ankommen.
🔹 5. Austausch statt Rückzug
Viele Angehörige ziehen sich zurück, weil sie niemanden belasten wollen. Dabei wirkt Austausch häufig entlastend – auch ohne Lösungen.
Hilfreich kann sein:
- Gespräche mit anderen Angehörigen
- das Aussprechen von Unsicherheiten
- Nicht alles muss getragen werden, nur weil man es kann.
- neutrale Gespräche außerhalb der Familie
🔹 6. Erlaubnis zur eigenen Entlastung
Entlastung ist kein Zeichen von Egoismus.
Sie ist notwendig, damit Nähe, Geduld und Unterstützung überhaupt möglich bleiben.
Normalisierung bedeutet auch:
Das eigene Leben darf weitergehen – mit, nicht trotz der Situation.
Kurz gesagt
Stress bei Angehörigen verschwindet selten durch „mehr Einsatz“.
Er wird weniger, wenn:
- Erwartungen realistischer werden
- Gefühle Platz bekommen
- die Situation nicht ständig bewertet wird
Normalität entsteht nicht von selbst – sie wächst, wenn niemand dauerhaft über seine Grenzen geht.
Formulierungshilfe für ein Gespräch mit Angehörigen
🤝 Wenn du spürst, dass deine Lieben auch mit der neuen Situation hadern, du jedoch noch nicht die richtigen Worte gefunden hast um das Thema anzusprechen, habe ich hier einen kleinen Text zum Weitergeben an Angehörige formuliert.
Vielleicht wirkt es nach außen so, als müsste ich mich am meisten umstellen. Und ja, für mich hat sich vieles verändert.
Aber ich sehe auch, dass du ebenfalls betroffen bist – auf deine eigene Art.
Du erlebst Veränderungen mit, machst dir Gedanken, hältst Dinge aus und versuchst, richtig zu reagieren. Auch wenn wir nicht immer darüber sprechen, weiß ich, dass das psychisch anstrengend sein kann.
Mir ist wichtig, dass du weißt:
Deine Gefühle sind genauso legitim wie meine.
Es ist okay, wenn du unsicher bist. Es ist okay, wenn dich etwas belastet. Und es ist okay, wenn du nicht immer weißt, was richtig ist.
Wir müssen das nicht perfekt machen.
Es gibt keinen festen Plan dafür, wie man mit einer Behinderung oder einem Rollstuhl im Leben umgeht. Es gibt nur unseren Weg – Schritt für Schritt.
Danke, dass du da bist. Und bitte vergiss dabei dich selbst nicht.